Stellen Sie sich vor, Sie sitzen auf Ihrem Pferd und können nichts sehen. Ein schrecklicher Gedanke? Und jetzt stellen Sie sich das Umgekehrte vor – Sie reiten durch Wälder und Wiesen, sehen ein Reh durchs Dickicht huschen, einen Traktor vorbeirattern – aber Ihr Pferd ist vollkommen blind. Unvorstellbar? Sie denken, Ihr Pferd würde sterben vor Angst – und Sie mit ihm? Für eine Reiterin in der Nähe von Basel ist dies Realität, denn ihr Hannoveranerwallach Vendelin ist vollständig blind (die Reportage «Blindes Vertrauen» lesen Sie ab Seite 68). Wo die ganze Reiterwelt von Vertrauen spricht, gehört für sie und ihr Pferd «blindes» Vertrauen zum Alltag. Eine ungewöhnliche Pferd-Mensch-Beziehung in einer Reiterwelt, die ganz nach dem Motto lebt: «Vertrauen ist gut – Kontrolle besser». Denn schon in der Reitschule lernt der Anfänger, das Fluchttier Pferd in jeder Situation zu kontrollieren. Und wo das Vertrauen ins Pferd fehlt, helfen abenteuerliche Gebisse und Hilfszügel-Kombinationen. Nicht am gegenseitigen Vertrauen wird gearbeitet, sondern an der Reittechnik. Zweifellos der kürzere Weg, um ein Pferd «reiten» zu können. Früher oder später macht sich das Defizit aber fast immer bemerkbar – meist dann, wenn’s ohnehin knifflig wird. Und wenn ein Pferd erst einmal ohne Vertrauen zum Menschen ratlos einer vermeintlichen «Gefahr» gegenübersteht, ist auch die perfekteste Hilfszügel-Konstruktion plötzlich nicht mehr so wirksam. Da ist es schon ein ziemlicher Kontrast, wenn man den blinden Vendelin voller Vertrauen zu seinem Menschen durchs Gelände traben sieht. Die Geschichte Vendelins wird vielleicht den einen oder anderen animieren, sich wieder einmal mit dem Thema «Vertrauen» auseinanderzusetzen – auch wenn sein Pferd glücklicherweise nicht blind ist.

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